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Bischof Erwin Kräutler: Papst steht auf der Seite der Armen

Am Dienstag, 3. Dezember, war Bischof Erwin Kräutler zu Gast in Innsbruck. Er traf zum Auftakt des Diözesanjubiläums mit Bischof Manfred Scheuer zusammen und sprach im Haus der Begegnung zum Thema "Kirche in der Welt von Heute."

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Wenige Tage nach dem Auftakt zum Diözesanjubiläum stand bereits ein erster Höhepunkt an: Der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler legte im Rahmen seines Österreichbesuches einen Zwischenstopp in Innsbruck ein. Auf dem Programm stand eine Begegnung mit Bischof Manfred Scheuer und ein Vortrag im Haus der Begegnung. Im Vorfeld sprach die katholische Presseagentur Kathpress mit dem Bischof der brasilianischen Diözese Xingu.

Dabei äußerte Kräutler erneut höchstes Lob für Papst Franziskus. Das neue Papstschreiben "Evangelii Gaudium" sei "ausgezeichnet" und "nur auf dem Hintergrund der Erfahrungen der Kirche in Lateinamerika zu verstehen", so Kräutler gegenüber "Kathpress". Es sei "kein Regierungsprogramm, sondern vielmehr ein Dienstplan" und zudem "Befreiungstheologie pur", auch wenn Franziskus den Begriff meide: Der Papst stehe für eine "arme Kirche an der Seite der Armen", die an die Ränder menschlicher Existenz geht. Er selbst beobachte in Brasilien einen "Franziskus-Effekt", so Kräutler: Unter den Menschen sei seit Amtsantritt des neuen Papstes ein "Aufatmen" spürbar. Auch die Bischöfe seien "viel lockerer" und würden nun offener sagen, "was ihnen am Herzen liegt".

Bischof Kräutler lebt und wirkt seit 1965 in Brasilien. Nach Jahren als Missionar wurde er 1981 Bischof der Diözese Xingu im Amazonasgebiet, die mit rund 350.000 Quadratkilometern rund vier Mal so groß wie Österreich ist. Der gebürtige Vorarlberger befindet sich derzeit auf Heimatbesuch in Österreich. U.a. traf er am Dienstagabend in Innsbruck mit Bischof Manfred Scheuer zusammen und hielt einen Vortrag zum Thema "Kirche in der Welt von heute". Der Amazonien-Bischof sprach von einem "frischen Wind", der nun mit Franziskus in der Kirche wehen würde.

Dass vom Vatikan in den 1980er-Jahren und auch später die Befreiungstheologie so negativ gesehen und verurteilt wurde, bezeichnete Kräutler im Rückblick als "Schlag in die Magengegend". Der Marxismus-Vorwurf sei nur auf ein europäisch bedingtes Unverständnis bzw. Missverständnisse zurückführbar, so Kräutler gegenüber "Kathpress". Er sei seit fast 50 Jahren in Brasilien, seine Diözese bestehe aus 777 Gemeinden, "und keine einzige davon ist marxistisch angehaucht. Das ist einfach Unsinn." Die Befreiungstheologie sei biblisch fundiert, "Jesus identifiziert sich
mit den Armen".

26 Priester für 777 Gemeinden
Einmal mehr mahnte der austro-brasilianische Bischof Änderungen bei den Zulassungsbestimmungen zum Priesteramt ein. In der Diözese Xingu stünden ihm für 777 Gemeinden gerade einmal 26 Priester zur Verfügung. In vielen Gemeinden gebe es nur ein bis drei sonntägliche Eucharistiefeiern pro Jahr. Ein unerträglicher Zustand, sei doch die Eucharistie "Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens", so Kräutler. Bei der jüngsten Versammlung von Bischöfen, Priestern, Ordensvertretern und Laien aus ganz Amazonien in Manaus hätten die Anwesenden deshalb auch eine Petition verfasst, in der sie dringlichen Handlungsbedarf einfordern: Die kirchlichen Strukturen müssten dahingehend verändert werden, dass nicht mehr 70 Prozent des Gottesvolkes in Amazonien von der Eucharistie ausgeschlossen bleiben.

Den Zölibat halte er "für eine ganz wichtige Sache", so Kräutler. "Ich werde den Zölibat immer verteidigen und hochhalten. Er ist eine Gnade." Das "Problem" sei aber die Verbindung der Eucharistiefeier mit dem Zölibat des Priesters. Kräutler verwies auf das Beispiel eines Ehepaares, das seit vielen Jahren eine Gemeinde leitet. "Warum soll es nicht möglich sein, dass derjenige, der ja sowieso schon die Gemeinde leitet, auch der Eucharistiefeier vorsteht und mit der Gemeinde feiert?" Veränderungen in der Kirche werde es nicht von heute auf morgen geben, so Kräutler, er könne sich aber lokale Regelungen vorstellen. Lateinamerika böte sich dafür geradezu an.

Er würde es auch für sinnvoll erachten, ähnlich der aktuellen weltweiten päpstlichen Familienumfrage, eine solche über die Eucharistiefeier und den Zugang dazu zu starten. In einer derartigen Umfrage würde schließlich auch der "sensus fidelium" des Gottesvolkes zum Ausdruck kommen, zeigte sich der Bischof überzeugt.

Da es in Xingu viel zu wenige Priester gibt, wird in den meisten Gemeinden am Xingu sonntags Wortgottesdienst gefeiert, zum Teil auch als Kommunionfeier mit zuvor von einem Priester konsekrierten Hostien. Diese Hostien seien im tropischen Amazonasklima aber nur wenige Tage haltbar, dann würden sie schlicht verrotten, berichtete Kräutler.

Eucharistie "keine Belohnung für die Vollkommenen"
Der Bischof bekräftigte im "Kathpress"-Gespräch, dass die Situation der geschieden Wiederverheirateten auch in Brasilien ein großes Problem darstelle. Viele Ehen seien kirchenrechtlich ungültig, zeigte sich Kräutler überzeugt. Solche Ehen könnten auch annulliert werden, aufgrund der äußeren Umstände sei dies aber oft schwer in einem kirchenrechtlichen Verfahren zu beweisen.
Doch auch bei letztlich gültigen Ehen, die scheitern, müsse man sehr differenziert vorgehen. So gebe es beispielsweise auch viele unschuldig Geschiedene. Kräutler zitierte Papst Franziskus, wonach die Eucharistie keine Belohnung für die Vollkommenen sei, sondern "großzügiges Heilmittel und Nahrung für die Schwachen". Kräutler: "Die Frage kann nicht lauten 'Muss ich jemanden von der Kommunion ausschließen', sondern 'darf ich das überhaupt?'"

Auch im Fall des Sakramentenempfangs von geschieden Wiederverheirateten werde der Papst sicher keine allgemeinen Leitlinien herausgeben, wonach jeder zur Kommunion gehen könne,
zeigte sich Kräutler überzeugt. Dennoch sollten den Bischöfen und Priestern im konkreten Fall pastorale Möglichkeiten zur Hand gegeben werden. "Wir erhoffen uns schon sehr, dass hier einige Türen in der Kirche geöffnet werden", so der Bischof wörtlich.

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