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Gottes frohe Botschaft lebendig halten

Wortlaut der Ansprache von Bischof Manfred Scheuer zum Jahreswechsel bei der Jahresschlussandacht im Innsbrucker Dom.

Bischof Manfred Scheuer

Alles O.K.? so werde ich recht oft gefragt. Nein! sage ich meistens. Es ist nicht alles in Ordnung, nicht perfekt. Überall gibt es unfertige Baustellen, manchmal auch Ruinen, in der kleinen persönlichen Welt, in Familien, in der Politik z.B. bei der Regierungsbildung oder Bildungspolitik, aber auch auf dem Arbeitsmarkt oder auf den Finanzschauplätzen, kirchlich in den Seelsorgeräume und Ordensgemeinschaften, in der Kirche insgesamt. Ein gutes neues Jahr 2013, so haben wir einander vor einem Jahr gewünscht. War es ein gutes Jahr? Was zeigen wir vor beim Rückblick auf das Jahr 2013? Die Erfolge, die Siege, die Bilanzen?

„Zeige deine Wunden!“ Der Künstler Joseph Beuys hat vor etlichen Jahren mitten in einer Großstadt folgende Szene installiert: vor einer Betonwand stehen zwei Leichenbahren, darunter zwei Kästen mit geknetetem Fett und je einen Fieberthermometer, über den Bahren sind zwei Kästen mit Reagenzgläsern angebracht. An der Wand hängen zwei Tafeln mit der Aufschrift: „Zeige deine Wunde!“ - „Mir ist eine ‚verbeulte’ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinaus gegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die Sicherheiten zu klammern krank ist.“ (Papst Franziskus) Zum Jahreswechsel müssen wir das Jahr 2013 nicht krank jammern. Ich erbitte aber auch einen nüchternen Blick für die Wunden anderer und für die eigenen Verletzungen. Das Jahr 2013 ist nicht fertig. Wir sind nicht einfach gesund, erfolgreich und ganz daraus hervor gegangen.

 

Egoismus oder Vergebung

Wie auf das Jahr 2013 schauen? - Wissenschafter haben mathematisch bewiesen, dass Egoismus eine nur kurzfristig Erfolg versprechende Strategie ist. Vergebung und Versöhnung bringen auf lange Sicht mehr. Das gilt für persönliche Beziehungen in Ehe, Familie und Freundschaft, das gilt auch für politische und wirtschaftliche Konstellationen. Da sind politische Beziehungen jahrzehntelang von Feindschaft, von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Da gibt es Konkurrenz und Wirtschaftsembargos, da haben sich Feindbilder, Verachtung und Hass im Kopf und im Herzen festgesetzt. Papst Franziskus spricht von einem Narzissmus in der Kirche, der Psychiater Reinhard Haller von der Narzissmusfalle in unserer Gesellschaft. Kennzeichnend dafür ist das Kreisen um sich selbst, das Starren auf das eigene Spiegelbild, die Fixierung auf die eigenen Probleme, das Verliebtsein in die eigene Traurigkeit. Und ein Sicherheitsdenken führt auch nicht gerade dazu, dass wir die Nöte anderer wahrnehmen. Wir sind teilweise in einer Jagd- und Schießgesellschaft, es gibt die Gefahr einer Übertribunalisierung und einer grundsätzlichen Hermeneutik des Verdachts oder einer allgemeinen Unterstellung, wo es darum geht, die Fehler anzuprangern und auf Defizite festzunageln.

Einander suchen, den Mitbewerber, den Gegner, den Konkurrenten suchen, Brücken bauen und Zusammenarbeit ermöglichen: Die Sehnsucht ist da, nicht selten ist sie aber zugeschüttet. Wie kommt es zu einem gegenseitigen Kennen lernen, zu einem Wahrnehmen des Leidens des jeweils anderen, gar nicht zu reden von Versöhnung und Vergebung? „Vergebung“ ist eine Erfolg und Zukunft versprechende Strategie, wirtschaftlich, politisch und auch persönlich. Die Wahrheit macht frei. Und wahr ist nur, was Heilung und Versöhnung offen hält. Die Verweigerung der Versöhnung mit sich selbst, die Unfähigkeit zur Annahme der eigenen Grenzen, Enttäuschungen, Erfolglosigkeit, die Aggression gegenüber anderen, Ressentiments, das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein und sich rächen und heimzahlen zu wollen, Resignation und Aggression zerstören Lebensfreude und Aufmerksamkeit. Wer unversöhnt lebt, kann nicht richtig denken, kann nicht feiern und auch nicht gut entscheiden. – Im Blick auf das Jahr 2013: Wem habe ich zu vergeben und wen habe ich um Vergebung zu bitten?

 

Vergiss nicht das Gute

Ich wünsche uns einen Blick für das Gute im Jahr 2013. Einmal hast du eine Blume wahrgenommen und darüber gestaunt, dass es so etwas Schönes einfach gibt. Einmal hast du eine Berührung gespürt, eine Umarmung erfahren, und du hast gewusst: da ist einer, der mich mag. Einmal hast du dich gewundert als du bemerktest, dass du vor dich hin pfeifst. Einmal hast du etwas vom Geheimnis Gottes geahnt. Es gibt Sternstunden des Lebens, die wir nie vergessen. Da sind Taborstunden, Erfahrungen des Glücks, der Lebensfreude, der intensiven Beziehung, die zu uns gehören. Solche Erinnerungen sind Anker der Hoffnung; sie geben Zuversicht auch in dunklen Stunden und lassen nicht verzweifeln. Solche Bilder, Werte, Melodien, Eindrücke, Erfahrungen sind wichtig für die Seele, fürs Leben und fürs Überleben.

Dankbar dürfen wir sein für das Lebens- und Glaubenszeugnis von Bischof Reinhold, der am 29. Jänner gestorben ist. Oder für Kaplan Ludwig Penz mit seinem Humor, seiner Gelassenheit und seiner Zuversicht, der sich mit einem großen Vergelt’s Gott verabschiedete. Und Papst Franziskus hat alle überrascht, wie es nicht zu erwarten war. Der Stimmungswandel ist auf breiter Basis, das Interesse ungebrochen.

Der Blick für das Gute: Dazu gehört eine Kultur des Miteinanders und Füreinanders in unserem Land. Nehmen wir alles als selbstverständlich, was unseren Wohlstand, unser Gesundheitssystem, unser gutes soziales Klima ausmacht? Alles, was uns so selbstverständlich erscheint, ist es nicht. Es kann sich ändern. In Tirol wird großteils diese Kultur des Miteinanders und Füreinanders gelebt. Wir dürfen dankbar sein für die ungebrochene Solidarität, z.B. beim Hochwasser im Tiroler Unterland, international für die Philippinen oder für Syrien. Seit 175 Jahren sind die Barmherzigen Schwestern ein Kraftwerk der Caritas in Tirol, der Caritasverband wurde vor 110 Jahren gegründet. Und was ist nicht alles in den letzten 60 Jahren durch die DKA an Hoffnung gestiftet worden. Die Sternsinger sind Boten des Friedens und der Gerechtigkeit. - In der Sprache der Heiligen Schrift: Das Gute vergessen bringt den Menschen in das „Land der Finsternis“ (Ps 88,13). Undankbarkeit und Vergessen sind die große Sünde der „Heiden“. Sie verfinstern das Herz (Röm 1,21). Deswegen sagt der Psalmist: „Meine Seele, vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ (Ps 103,2) Dankbarkeit hat eine befreiende Wirkung. Sie befreit von selbstbezogener Enge und Ängsten; sie öffnet den Blick auf andere. Dankbarkeit ist kein Zweckoptimismus. Die Kultur des Miteinanders steht angesichts von Menschen in schwierigen Lebenssituationen, z.B. Alleinerziehenden oder Pensionisten mit Mindestpension vor neuen Bewährungsproben. Und für Arbeit und Beschäftigung von jungen Menschen ist ein Schulterschluss notwendig. Wie können wir angesichts von starken Privatisierungs- und Individualisierungstendenzen ein neues belastbares solidarisches Wir aufbauen und Familien stärken?

 

Aufbrechen

Vor 50 Jahren wurde die Diözese Innsbruck errichtet. Daran denken wir im Jahr 2014. Ein ehrlicher Blick auf die Vergangenheit und die Dankbarkeit für Gottes Segen sollen uns in diesem Jahr begleiten. Unter dem Motto „Aufbrechen“ wollen wir die die Lebendigkeit und Aktualität der Botschaft Jesu sichtbar machen, die Vielfalt der Begabungen und Tätigkeiten der Menschen in Kirche und Gesellschaft aufzeigen und wertschätzen, Kirche als Ort stärken, der nahe bei den Menschen ist, Zivilcourage fördern, die soziale, kulturelle und gesellschaftspolitische Bedeutung von Kirche aufzeigen, nicht zuletzt ein Miteinander im gemeinsamen Feiern sein.

Das Zweite Vatikanische Konzil spricht wiederholt vom „pilgernden Volk Gottes“. Die Bereitschaft zum Aufbruch und zur Erneuerung gehört zu einem lebendigen Glauben immer dazu. Unser Leben ist durch viele unterschiedliche innere und äußere Aufbrüche geprägt, sei es dass wir einen neuen Lebensabschnitt beginnen, den Beruf wechseln, uns auf Beziehungen einlassen oder auch Abschied nehmen müssen von lieben Menschen, von vertrauten Gewohnheiten oder von der Heimat. Aufzubrechen ist immer mit einem Risiko und mit einem Wagnis verbunden. Aufbrüche erfordern Mut und Offenheit; sie können auch in dunkle Zeiten der Enttäuschung oder in lange Wüstenwanderungen hinein führen. Zu ihnen gehören Ängste und Freuden, Verunsicherung, Tränen, Sehnsucht und neue Hoffnung. Jedem Anfang wohnt ein Zauber aber auch eine Schwere inne. Aufbrechen – da geht es für mich um das Aufbrechen von Versteinerungen, von Verhärtungen und Rechthabereien. Aufbrechen hat mit Befreiung zu tun. Dazu braucht es den täglichen Mut, Gottes Geist eine Chance zu geben. Manchmal sind wir uns selbst das größte Hindernis. Papst Franziskus drückt dies in klaren Worten aus: „Um es klar zu sagen: Der Heilige Geist ist für uns eine Belästigung. Er bewegt uns, er lässt uns unterwegs sein, er drängt die Kirche, weiter zu gehen… Es ist dieses ‚vorwärts gehen’, das für uns so anstrengend ist. Die Bequemlichkeit gefällt uns viel besser.“ (16.4.2013)

Das gilt auch für die Kirche in unseren Tagen. Da gilt es kritisch hinzuschauen: Entspricht unser Leben dem Evangelium (Stichwort: Evangeliumsverträglichkeitsprüfung)? Haben wir Augen für Menschen in Not? Wie können wir ein positives Klima für Kinder und Jugendliche schaffen, wie können wir Menschen, vor allem junge Menschen für das Evangelium begeistern? Papst Franziskus spricht von einer Kirche, die dem Geheimnis Gottes Raum gibt; eine Kirche, die dieses Geheimnis in sich selbst beherbergt, so dass es die Leute entzücken und sie anziehen kann. Allein die Schönheit Gottes kann eine Anziehungskraft ausüben. Das Ergebnis der pastoralen Arbeit stützt sich nicht auf den Reichtum der Mittel, sondern auf die Kreativität der Liebe. Sicher sind auch Zähigkeit, Mühe, Arbeit, Planung, Organisation nützlich, allem voran aber muss man wissen, dass die Kraft der Kirche nicht in ihr selbst liegt, sondern sich im Geheimnis Gottes verbirgt. Bei unseren Aufbrüchen soll das Gepäck nicht zu schwer sein. Ist der Rucksack voll mit Bürokratie, mit Rechthaberei, mit Sicherheitsdenken oder auch mit materiellen Ansprüchen, würde sich sehr bald Müdigkeit und Erschöpfung einschleichen. Papst Franziskus spricht von einer „Grammatik der Einfachheit“, ohne die sich die Kirche der Bedingungen beraubt, die es ermöglichen, Gott in den tiefen Wassern seines Mysteriums zu „fischen“. - Diese Fragen und Herausforderungen stellen uns vor die Entscheidung, uns neu im Evangelium zu verankern und uns auf die Mitte des Glaubens an den dreieinen Gott zu besinnen.

 

Freude als Leitmotiv

Papst Franziskus versteht sein apostolisches Schreiben „Evangelii gaudium“ als „programmatisch“ (Nr. 25). Das Wort „Freude“ durchzieht das ganze Dokument: Die Botschaft Jesu und die von ihm in seiner Verkündigung wie auch in seinem Tod und seiner Auferstehung erwiesene Liebe Gottes zum Menschen begründet eine tiefe Freude, die auch von den vielfältigen Bedrängnissen des Lebens nicht umzubringen ist. Es widerspreche deshalb dem Evangelium, wenn die Lebensart mancher Christen, so Franziskus in deutlichen Worten, „wie eine Fastenzeit ohne Ostern“ erscheint (Nr. 6). Oder, ebenso markant formuliert: „Der Verkünder des Glaubens darf nicht ständig ein Gesicht wie bei einer Beerdigung haben!“ (Nr. 10) Es widerspricht dem Evangelium, wenn das Böse ohne Erlösung und Versöhnung präsentiert wird, sozusagen ein Krampus ohne Christkind, wenn etwas seziert wird ohne Hoffnung. Ohne Freude an Gott zerfällt Religion in Phrasen von Anständigkeit und Moral. Oder manche Menschen machen sich zum schlechten Gewissen der anderen. Es widerspricht aber der Liebesfähigkeit, wenn Liebe nur mit Druck und Zwang moralisch durchgesetzt werden soll.

Ein großes Vergelt’s Gott allen, die das Leben in den Grundvollzügen Glaube, Hoffnung und Liebe in unserer Diözese, in unseren Pfarrgemeinden und Gemeinschaften tragen und gestalten. Möge unser Jubiläumsjahr 50 Jahre Diözese Innsbruck mithelfen, dass unsere Kirche den Menschen dient und Gottes frohe Botschaft lebendig hält. Gott segne und begleite uns in diesem Jahr 2014!

Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck

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